THW-OV Karlsruhe: Die Zahl der Ebola-Neuinfektionen in Sierra Leone geht zwar zurück, aber von einer Entspannung der Situation kann leider immer noch nicht die Rede sein. Die Zahl der Infizierten in Sierra Leone, Liberia und Guinea bezifferte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Jahresbeginn mit mehr als 20 600. Das Ebola-Fieber verläuft in etwa 25 bis 90 Prozent aller Fälle tödlich. Wie wurdest Du auf Deinen Einsatz vorbereitet? Anna Schlatter: Zuerst habe ich den einwöchigen THW-Kurs Einsatzgrundlagen Ausland – die Feuerprobe für jene, die sich für Auslandseinsätze beworben haben – besucht. Kurz vor dem Abflug ins Krisengebiet wurden wir dann noch in mehreren eintägigen Veranstaltungen auf die Gefahren der Epidemie, u. a. durch Experten des Robert-Koch-Instituts, vorbereitet: Wie legt man einen Schutzanzug richtig an? Was ist bei der Wiedereinreise nach Deutschland zu tun? Was muss man beachten, wenn es einem Team-Mitglied gesundheitlich plötzlich schlecht geht? Solche und viele weitere Aspekte wurden behandelt.
Für die Ansteckung mit hämorrhagischem Fieber sind bereits nur ein bis zehn Viruspartikeln erforderlich – bei Milzbrand sind es zum Vergleich dagegen 8 000 bis 50 000 Sporen. Hattest Du nicht Angst, angesteckt zu werden?
Nein. Mit Infizierten bin ich selber nicht direkt in Kontakt gekommen. Und jeder, der selber noch gehen kann und sich normal verhält, ist nicht gefährlich: Für eine Ansteckungsgefahr müssen erst die Ebola-typischen Symptome ausgeprägt sein. Ebola-Patienten leiden dann schlagartig unter Fieber und Muskelschmerzen und fühlen rasch derart kraftlos, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Ihr Tod tritt in der Regel innerhalb von 24 Stunden bis wenigen Tagen ein. Vorsichtshalber hatten wir eine strikte No-Touch-Policy befolgt, also uns nicht die Hand gegeben, selbst unter Kollegen nicht. Über die Haut selber wird das Virus nicht übertragen, nur über Wunden, Augen und Schleimhäute. Daher vermeidet man es tunlichst, selbst bei Tagestemperaturen um die 40 Grad sich den Schweiß mit der Hand von der Stirn zu wischen.
Was waren. inden vier Wochen in Afrika Deine Aufgaben?
Schwerpunkt war die technische Unterstützung von sogenannten Intensive-Care-Center (ICC), das sind Behandlungszentren für Schwersterkrankte. Unter anderem haben wir für diese 30-kVA-Netzersatzanlagen gewartet und repariert. Aber auch der Aufbau von Fahrzeug-Desinfektionsanlagen und die Wartung von Fahrzeugen der Angehörigen anderer Hilfsorganisationen, Krankenwägen und Transportern zählten zu den täglichen Aufgaben. Ich war in einem Zweier-Team von ehrenamtlichen THW-Einsatzkräften aus Deutschland in Makeni; vier weitere THW-Einsatzkräfte hatten ihre Basis in Freetown. Unterstützt wurden wir von drei einheimischen Mechanikern, zwei Fahrern und neun Berufsschülern.
Wie seid Ihr auf diese gekommen?
Vor uns war ein Erkundungsteam des THW vor. Ortund hat zufällig Kontakt mit einer Berufsschule für Kraftfahrzeugmechaniker knüpfen können. Von diesen haben dann rund zehn 19- bis 27-Jährige ihre Hilfe angeboten.
Wie gingen diese Menschen vor Ort mit der aktuellen Situation um – wie sahen sie ihre Zukunft?
Die Grundstimmung in Makeni – hier hatten wir unseren zentralen Stützpunkt aufgebaut, mitten im Ebola-Gebiet, eben dort, wo man gebraucht wird – war gelassen. Panik war nicht zu spüren. Das hat sich auch positiv auf unser Team ausgewirkt. Angst hatten die Bewohner jedoch vor der Zukunft: Was passiert, wenn die Epidemie abflaut und die durch die Hilfsorganisationen entstandenen Arbeitsplätze wieder wegfallen und die Unterstützung aus dem Ausland ausbleibt? Sierra Leone gehört zu den ärmsten Länder. derWelt – die ehemalige britische Kolonie belegt seit Jahren den letzten Platz auf der Liste des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, gleichbedeutend mit dem Status des am wenigsten entwickelten von 179 untersuchten Ländern.
Was waren. Deine prägendstenErlebnisse, die Du mit nach Hause nach Deutschland genommen hast?
Anna (denkt länger nach): Die Gelassenheit der Menschen dort habe ich bewundert. Dass man selbst in so einer kritischen Lage ruhig bleiben kann. Einige der Berufsschüler im. Team wurden im Bürgerkrieg zu Kindersoldaten zwangsverpflichtet und erhielten für jeden Menschen, den si. getötet hatten, a. s ‚Belohnung‘ einen Ritzer inihre Haut, sogenannte ‚Kills‘: Narben, die man heute noch sieht. Und dawaren nochMütter, die ihre an Ebola erkrankten Säuglinge und. Kinder im freien Feld zum Sterben aussetzten, nur um ihre Familie vorAnsteckung zu. bewahren! All diese Menschen haben einen unglaublichenSelbstschutz. entwickelt. Wir in Deutschland dagegendramatisieren Dinge gerne gleich.
Und die prägendstenErlebnisse mit deinen einheimischen Kollegen im Team?
Wir. fuhrenvon. unseremStützpunkt vom Landesinneren an die Küste nach Tuhke – dort haben wir ein Notstromaggregat instand gesetzt. Der Ort liegt direkt am Atlantischen Ozean, wo wir dann. auchMittagspause gemacht haben. Begleitet hat mich Isathu. Bereits mit zwölf Jahren. wurdesie mit einem 40-Jährigen verheiratet. Sie ist jetzt Witwe und hat drei Kinder, von denen zwei bei ihrem Onkel wohnen müssen, da sie selber kein Einkommen hat. Mit 27 Jahren hat sie da zum ersten Mal das Meer gesehen. „Wie breit ist dieser Fluss?“, fragte sie mich und ich habe versucht ihr zu erklären, dass. esdas Meer ist, welches. vorihr liegt. Das war. fürsie unbegreiflich. Schweigend haben wir einige Zeit im Sand gesessen und auf die Weite des Ozeans geblickt. Als ich mir die Schuhe auszog, um ein wenig ins Wasser zu gehen, bat sie mich das nicht zu tun, es war. ihreinfach wohl nicht geheuer. Bevor wir dann weitergefahren sind, wollte sie aber doch nochmal anhalten und zurückgehen, „um dem Wasser Tschüss zu sagen“. Angefasst hat sie es aber auch da nicht. Auf der weiteren Fahrt wussten wir beide, dass es vermutlich das erste und einzige Mal sein würde, dass sie am Meer war. Wie sie leben 70. % der Bevölkerung in extremer Armut. Mit weniger als einemUS-Dollar am. Tag Auskommen ist an Reisen, geschweige denn den Besuch ihrer beide. Kinder, nic. t zu denken.
Hat sich Dein Leben aufgrund des Einsatzes geändert, wenn ja, in wie fern?
Die vier Wochen vor Ort waren zu kurz und. u arbeitsreich, um das Elend vor Ort zu nah. an sich herankommenzu las. en – imNachhinein erscheint die dortige Zeit aber im Kontrast zum Leben in Deutschl. nd surreal angesichts des Erlebten. Das Leben nehme ich hier vielleichtnun intensiver wahr.
Einige aus demEbola-Gebiet zurückkehrendeEinsatzkräfte wurden stigmatisier. – m. n blieb. zu i. nen aus . ngst vor Ansteckung aufDistanz. Wie ging es Dir?
Im Allgemeinen beträgt die Inkubationszeit 21 Tage. Innerhalb dieses Zeitraumes nach der Rückkehr misst man drei Mal tä. lich Fieber und führt Buch, mit wemman amTag Kontakthatte.Bei erstenSymptome. wä. e man sofort unter Quarant. ne gestellt worden und hätte dabei laut Infektionsschutzgesetz sogar eine Einschränkung seines Grundrechtes auf Frei. eit akzeptieren müssen. Ich. habe mi. h vor demEinsatz mit meiner Familie, meinen Freunden u. d den Kollegen zusammengesetzt und erklärt, welcheMaßnahmenin welchem Fall greifen würden. Somitwar jeder gut informiert. Nach der Rückkehr ist mir dann auch niemand mit Vorbehalten oder Sorgen begegnet.
Würdest Du nochmalseinen Auslandseinsatz mitmachen?
Auf jedenFall. Man kann etwas Gutes tun und lernt auch zu schätzen, wie gutes uns hier in Deutschland geht.
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