Eine ganze Generation ist seitdem im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen, die keine Erinnerungen mehr an die Teilung hat und nicht weiß, was Überwachungsstaat, die Einschränkung der Reisefreiheit und die Entwürdigung des Menschen durch den Menschen bedeuten.
Seit mehr als. zehnJahren beobachtet das Institut für Demoskopie Allensbach zudem, wie das Interesse der 14- bis 29-Jährigen an Politik, Wirtschaft und Geschichte mehr und mehr schwindet. Dies haben wir zum Anlass genommen, um mit dem Fahrrad die ehemalige innerdeutsche Grenze vom bayerischen Hof zur Ostsee im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren. 1400 km in 14 Tagen. haben wir zurückgeleg. undhierbei einenBlick in die Vergangenheit geworfen. Warum? Zum einen, um ein Zeichen für. Einheit und gegen Politikverdrossenheit zu setzen und zu ehrenamtlichem Engagement aufzurufen. Und zum anderen um zum Spender für di. Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) zugewinnen.
So begann unsere Tou. am 29.06.19 bei den Kollegen vom T. W Hofin Bayern. Zur Zeit der Wende, als tausende Flüchtlinge aus der DDRnach Hof kamen, kochten dieehrenamtlichen Einsatzkräfte 30 Kubikmeter (!) Tee und bereiteten 15 000 Mahlzeiten. zu. Gerhard vom THW Hof erinnert sich über die Unterstützung beider Geld-Logistik (DDR-Bürger erhielten einen einmaligen Betrag von 100 DM, inflationsbedingt. heute ca. 90 Euro): „Da wir aufgrund derMenschenmengen. das viele Geld nicht mit dem Autotransportieren konnten, haben wir es in Plastiktüten getan und haben uns mit einigen hunderttausend DM dann zu. Fuß auf denWeg gemacht.“
Unweit von Hof liegt. das Dreiländereck.Ein scheinbar unbedeutender. in den Bachlaufdes Mühlbachs gesetzter Holzpflock. kennzeichnet dortdas Zusammentreffen von damaliger Bundesrepublik Deutschland, DDR und der Tschechoslowakei. Hier begann die. ehemaligeinnerdeutsche Grenze. Nachts taghell erleuchtet und bewacht. durch40 000 Soldaten war sie allein dazu da, die Flucht von DDR-Bürgern in den. Westen zuverhindern. Quer durch Deutschland entstand so eine fast überwindbare Barriere mit Stacheldraht, Minen und Todesstreifen, welche fast. 80. FlüchtendenihrLeben kostete und Unzählige ins. Gefängnis brachte.
Vonall dem erinnert heute nur noch wenig im. ehemalige. Grenzgebiet, welches nun als„Grünes Band“ein. wertvolles 1400 km langes Naturschutzgebiet bildet.
Auf unserer Radtour durch. Deutschland haben wir viele Menschen kennengelernt, Hilfsbereitschaft erfahre. und vielekleine Highlights erlebt:
- Pfarrer, Kollegen von Feuerwehr, TH. und DRK vertrautenohne uns zu kenne. den Schlüssel für ihre Unterkunft zum Übernachten an. Die Kollegen der FreiwilligenFeuerwehr Walkenried, die einen 19-Jährigenan Blutkrebs erkrankten Kameraden verloren hatten, luden uns zu ihrem Ausbildungsdienst und anschließendem Zusammentreffen ein und bezahlten. uns de. Zeltplatz.
- Kathrin, die alleine d. e einsam gelegene Villa Wendland, eine Gästepension in der Nähe von Wustrow, betreibt. Auf ih. em Hof leben neben einer schwarzenKatze aucheine Pfauenfamil. e mit Nachwuchs. Kathrins Mutter ist schwer erkrankt . nd trotzder vielen Arbeit gewährte sie uns kostenfrei Unterkunft. Gemein. am haben. wir in ihrer rustikalenKüche gekocht: „Ich möchte ni. hts von euch, das Essen war Bezahlung genug“.
- Und da war der ältere Herr, den unser am Fahrrad angebrachtesSchild neugierig machte. Als Fernfahrer war es . hm damals erlaubt, nach Westdeutschland zu fahren. Immer wollteer dort seinenVater, d. r ohne Familie in den Wes. en flüchtete, im Ruhrgebiet besuchen. Leider habedieser aber den Kontakt zur Familie abgebrochen. Besonders tragisch: Am Todestag seines Vat. rs nach der Wende wurde er arbeitslos.
Wir sind durch viele verlassen scheine. den Dörfer – fast jedes hat eine Kirche – gefahren und. dort kaum jemanden begegnet. Auchviele Landstraßen hatten wir für uns alleine. Mobilfunkempfang? Sehr oft nicht vorhanden.
Auch in Erinnerung bleibt die Gastwirtin auseinem 200-Seelen-Ort, deren Biergarten wirüber die Mittagsz. it für uns alleine hatten. Immer wi. der ging sie zur Straß. , u. nach dem Rest von uns Ausschau zu halten, damit sie allen gleichzeitig das Essen servieren konnte. Und dies alles eingerahmt . n eine unberührte La. dschaft - dort, wo. och vor 30 Jahren eine Grenzanlage in ihrer Brutalität Landschaft, Dörfer und menschliche Beziehungen zerschnitt: „Nirgendwo sonst in der Welt gibt es eineGrenze, die so verschiedene Welten voneinander trennt, nirgendwo spielt es eine soentscheidende Rolle, ob man 100 Meter weiter rechts oder links geboren wird“, sagte Marion Gräfin Dönhoff, Chefredakteurin und Mitherausgeberin der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT, dazu.
„Die Radtour war für alle Beteiligten eine besondere zeitgeschichtliche Erfahrung. Durch die Berichte war ich selbst virtuell und in meinen Gedanken dabei. Es wurde bei der Reise deutlich, dass wir über die deutsch-deutsche Geschichte und die Aufarbeitung der menschenverachtenden DDR-Diktatur mit vielen Toten auch an der innerdeutschen Grenze keinGras wachsen lassen dürfen, auch wenn sich die Natur die Grenzsperranlagen zurückholt“, sagt Dr. Christian Jung, Mitglied des Deutschen Bundestages, der die Schirmherrschaft für die Tour übernommen hatte.
All dies 30 Jahre nach dem Fall der Mauer im wahrsten Sinne des Wortes zuerfahren und sich bewusst zu machen,jetzt ineinem freien Europa leben zu dürfen, ist das eigentliche Highlight. Und zeigt, dass Demokratie kein Selbstläufer ist und täglich bewahrt werden muss; dass ein freies Europa hart erkämpft wurde. Dass ein Staat nur funktioniert, wenn seineBürgerinnen und Bürger nicht nur erwarten,sondern aktiv mitdenken, sich einbringen,Verantwortung übernehmen und gestalten. Zum Beispiel durch ehrenamtliches Engagement bei uns oder in einer der vielen anderen Einsatzorganisationen: Helfen kann jeder!
In diesem Sinne: genießt den Tag der Einheit!